Samstag, 22. August 2009

TV: wir haben das mal getestet

In letzter Zeit wird in vielen Medien (vor allem privatrechtl. Fernsehen) "getestet", was das Zeug hält.

Themen

Die Themen der Tests können gar nicht dumm genug sein:
  • Es werden die steilsten Wasserrutschen getestet (natürlich mit einer jungen, hübschen Frau), es wird "getestet",
  • ob Jugendliche Alkohol kaufen können (klar!),
  • ob in Kaugummis doch Spinnen sind (Nö),
  • man mit einer durchaus haushaltsüblichen Handgranate ein gepanzertes Fahrzeug wie im letzten Actionthriller...
  • usw
"Verstehen Sie Spaß" war mal eine Sendung, in der "Prominente" und Normalbürger extra und bei laufenden Kameras hereingelegt wurden, z.B. fuhr ein Klein(st)wagen an eine Tankstelle, "volltanken!" und schluckte ohne zu murren oder überzulaufen rund 500 Liter Benzin, zum großen Staunen des Tankwarts.
Ein Franzose "interviewt" mit völligen Unsinnfragen zufällige Passanten a la "Was halten Sie von der gesetlichen Abschaffung der Schwerkraft, wie der Bundestag gestern beschloss?".
Es wurde getestet, ob man der Bevölkerung jeweils 120 Gramm Atommüll zur Aufbewahrung mit nach Hause geben kann.

Zweck

Wie kommt es dazu? Soll das Infotainment für die "Endverbraucher" und das Präkariat sein, die vor der Glotze verdummen, aber den Eindruck vermittelt bekommen sollen, sie hätten sich mit irgendeinem abstrusen Thema "kritisch" auseinander gesetzt und vielleicht sogar noch etwas dazugelernt?

Soll gezeigt werden, dass die Menschen, die absichtlich in eine ungewöhnliche oder gefährliche Situation gebracht werden, sich "falsch" verhalten, wenn sie sich verhalten, wie es für normale Menschen üblich ist? Ist das Häme? Ist das Arroganz, Überheblichkeit? Schadenfreude?

Idealer Ablauf

Wie läuft das ab? Wir testen das mal eben: Hier ist ein "Produzent" oder Redakteur (oder dessen Lebensabschnittspartner), die oder der gerne mal in schönere Gefilde möchte! Was könnte man den da tun? Man nimmt eine beliebige Eigenschaft, die unzweifelhaft nur dort zu finden ist, wie z.B. ... ob die Longdrinks bis zum Eichstrich gefüllt werden (wurde meines Wissens NOCH nicht "geprüft"!).

Wenn man dem Bildungsauftrag des deutschen Bildungsbürgertums folgen will, wie sie gesetzlich seit Goebbels, Beginn der Bundesrepublik festgelegt wurden, dann MUSS der Redakteur hin und selbst nachgucken! Er muss seinen Lieblingskameramann oder -frau mitnehmen (oder zwei)! Und den Kameraassistenten! Und den Tontechniker! Und den Neffen vom Chefredakteur für die Aufsicht.
Die unglaublich schwierige Auswahl der möglichen Testziele erfolgt im örtlichen Reisebüro - koste es was es wolle! Man fliegt als Gruppe ein, orientiert sich (Fach-, Sprach- oder Landeskenntnisse nicht notwendig) muss mehrere Tage die richtigen Locations prüfen, auf das richtige Licht warten und dreht dann ein paar Meter (?).
Umzug in ein anderes Ferienparadies, neue Locations suchen (das muss man selbst tun, das ist ja "journalistisches Neuland", was hier betreten wird!), Ein paar Tage echt schlechtes, falsches Licht, endlich richtiges Licht, Sonne, Strand - wundervolle und schwer erarbeitete Bilder für die Lieben daheim. Nochmal MUSS ein anderes Ziel angesteuert werden, damit sich der an höchstqualitative Berieselung gewöhnte Dauerbetrachter nicht langweilen KANN. Praktisch gesetzlich gezwungen. Echt anstrengend!

Dann wird das Machwerk auf die Antenne gebracht, in 1 Min. 30 Sek.. Schnitt - nächstes Thema, am besten auf noch niedrigerem Niveau...

Methodik ?

Was beteutet "testen" für den Medienkreativen? Wie "testet" man irgendwas? Wie stellt sich den Klein-Fritzchen das vor: man probiert einfach etwas aus, man probiert es mehrfach aus und schreibt dann auf, was einem eventuell aufgefallen ist? Da soll es diese Stiftung Warentest geben, die haben immer Kittel an und sind überhaupt nicht fotogen! Und deren "Labors" sind dermaßen uncool und langweilig anzusehen! Unmöglich darf man das dem armen Zuschauer präsentieren.
  • Welche Longdrinks da jeweils eingeschüttet werden? Egal
  • Ob die Gläser unterschiedlich groß sind? Egal!
  • Ob überall ein teutscher Eichstrich vorhanden ist? Egal!
  • Ob das Zeug schmeckt? Egal (sie schmecken, aber das wollte der Gesetzgeber ja nicht wissen! Ab dem Dritten Longdrink schmeckten sie noch besser, aber die waren ja Reisekosten und Privatsphäre)
  • Wissen die getesteten "Barkeeper" oder Bademeister aus unerfindlichen Gründen, dass sie gerade getestet werden (vielleicht weil ihnen aus einer Gruppe eine Kamera ins Gesicht gepresst wird?) oder wird mit "versteckter" Kamera "investigativer, konspirativer Journalismus" betrieben (Watergate war nur ein kleiner Dreck gegen unsere Ergebnisse)?
  • Kann man den Versuch genauso und beliebig oft wiederholen oder ist hier subjektive Menschenarbeit ("Kunst") oder unbekanntes Maß an Zufall beteiligt?
  • Ist außer dem erstellten Filmmaterial irgendein schriftliches Protokoll notwendig? Nö, ist doch aufwendig und langweilig ist es auch!
  • Kann man das Protokoll, den Ort, die Zeit, die Beteiligten irgendwie finden, nachlesen? Pah!
  • Wer hat wie festgelegt, was im Testsinne "richtig", was "falsch" ist? Wer hat wann festgelegt, was noch als ok gilt, wo die Grenzen liegen und wie man es feststellt ("misst")?
Wir fassen zusammen - Keine Methodik, keine Wissenschaftlichkeit - auch wenn "Wissen" manchmal im Sendungstitel vorkommt.

Erkenntnisse

Es ist ein Wissen, was da vermittelt wird. Man kann nur Lernen, dass im deutschen Fernsehen die Zuschauer verarscht werden. Der wissenschaftliche Lern- und Prüfansatz wird mit Füßen getreten, vielleicht gerade vor den Teilen der Bevölkerung, die ihn am Dringendsten brauchen. Man sollte daher genau hinsehen und statt des offensichlichen Seichten, nach den dahinter stehenden Zwecken und Zielen forschen - das ist viel, viel interessanter, als die Frage nach dem Füllgrad von Longdrinks.
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