Freitag, 16. Juli 2010

Sie haben Post!

Die "Segnungen" moderner EDV haben nun nach wenigen Dekaden leider auch die Bürokratie der FDP erreicht. Die 71.000 FDP-Mitglieder erhalten vom Generalsekretär Chr. Lindner ein mit ihren eigenen Daten "personalisiertes" Rundschreiben, einen unter Technikfreaks sogenannten "Serienbrief", so auch der Autor dieses Blogs.

Der Autor erinnert sich noch an den Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrtausends, als er unter dem Betriebssystem CP/M mit einer sogenannten Textverarbeitungssoftware namens "WordStar" solche Serienbriefe zur Begeisterung der Empfänger "personalisierte". Nach nunmehr 30 Jahren hat die gesamte Werbeindustrie weltweit nachgezogen und überschwemmt ihre (potentiellen und gewesenen) Kunden, mit "persönlichen" Briefen, Angeboten, Werbung. Personalisierte Werbebriefe sind für viele Bundesbürger heute nichts neues, nichts tolles und nichts interessantes mehr.

Es gibt sie inzwischen differenzierter: Seit ca. 10 Jahren wird die Firma Google verdächtigt, die persönlichen Suchfragen und die Reaktion der Benutzer auf die angeklickten Links der Suchmaschine an andere Firmen gegen echtes GELD weiterzugeben, damit die "personalisierten" Dokumente NOCH besser angepasst werden können. Wer via Google auf Suchworte und Links zu "Mallorca" klickt, braucht sich über den Erhalt von Reiseangebote für Mittelmehrinseln nicht zu wundern. Der FDP-Brief ist eher von der groberen Natur - Anschrift und eine unpersönliche, höfliche Anrede - das war's.

Die FDP-Mitglieder können sich aber wundern, dass die so "persönlichen" Briefe mit persönlicher Adresse und persönlicher Anrede bereits vor bzw. kurz nach Versand in der (Holz-)Presse stehen und von den Qualitätsjournalisten nach allen Regeln ihrer linken "Kunst" analysiert und durchgehechelt werden?!

Wieso wird von der FDP das Briefgeheimnis so gering geachtet, dass die Briefe gleich bzw. zuerst in der Presse landen? 
Die FDP hat in ihrer Weisheit den "persönlichen Mitglieder-Brief" auch zeitnah und öffentlich auf ihre Webseite gestellt. Exklusivität sieht anders aus.
Welche Bedeutung hat der Fettdruck mancher Teile - sind das versehentliche (=unprofessionelle) Überbleibsel aus der elektronischen Bearbeitung (vielleicht sogar von Links, was ja an sich toll wäre!) oder ist man bei der FDP der Meinung, man müsse den unfähigen FDP-Mitgliedern drucktechnisch die wichtigsten Wörter hervorheben?
Von den Kosten der Drucks und des postalischen Versands ("Infobrief" - selbst die Post weiß, dass sie "Werbemüll" transportiert) wollen wir absehen - "wir FDPler ham's ja!".
Welchen Eindruck macht dieser "personalisierte Brief" unabhängig vom tatsächlichen Inhalt im Marketingmix der liberalen Partei?
  • Der FDP-GENERALsekretär wendet sich in einem persönlichen Brief an das kleine, unbedeutende Partei-Mitglied und berichtet, beschwichtigt, lockt, lobt, feiert, ... 
  • Die Nachricht "Sie haben Post!" ist heute eher eine Drohung und eine weitere Belastung des häuslichen Papiermülls.
  • ...

Natürlich kann so eine hohe und bedeutende Persönlichkeit, die über die wirklichen weltbewegenden Dinge zu entscheiden hat, nicht jedem Deppen einen persönlichen Brief schicken. ECHTE persönliche Briefe oder E-Mails bekommen in der Realität die, von denen man etwas will oder braucht, z.B. wenn auf Kritiker (sanfter) Druck ausgeübt werden soll... Die FDP-Mitglieder bekommen im Rahmen der vom FDP-Vorsitzenden Dr. Westerwelle angekündigten neuen Kommunikation ein längeren Werbetext zugestellt. DAS ist einseitige Kommunikation, manche nennen das einen Monolog, eine Einbahnstraße: Die FDP-Führung spricht bzw. schreibt, die Basis mag es lesen und schweigen. Bekanntmachung, Verlautbarung, Ausrufer, waren schon viele Jahrhunderte Mittel herrschaftlicher Kommunikation zu den Untergebenen.

Vielleicht ist der Wille aber auch ein ganz anderer: Möchte der FDP-Generalsekretär ab sofort regelmäßig "seinen" Mitgliedern Bericht erstatten oder sogar Rechenschaft ablegen, was die liberale Partei z.B. bundespolitisch erreichen konnte oder tatsächlich an Leistungen erreicht hat? Da hätte vielleicht eine SMS gereicht, Twitter gibt es ja auch - 140 Zeichen langen dafür und wären günstiger gewesen ;-)

Das versandte Schreiben erstreckt über vier (4!!) Seiten. 
"Was nicht auf einer einzigen Manuskriptseite zusammengefaßt werden kann, ist weder durchdacht noch entscheidungsreif."
Dwight D. Eisenhower (1890-1969), amerik. General u. Politiker, 34. Präs. d. USA (1953-1961)
Öffentlich erhältliche Mailing-Ratgeber (wie z.B. hier) empfehlen Werbebriefe NICHT "zu lang" zu machen und sich beim Schreiben auf das Wichtigste zu beschränken. Auch dem Autor ist das Problem gut bekannt, auch in diesem Blog wird nicht alles bleiben (dürfen/können), was schon formuliert ist.
"Lieber Freund, entschuldige meinen langen Brief, für einen kurzen hatte ich keine Zeit." Charlotte von Stein (1742-1827), Hofdame in Weimar, an Johann Wolfgang von Goethe
Beschränken wir uns also hier abschließend auf die ersten Sätze der Einleitung:
"Die parlamentarische Sommerpause [2010, d.A.] hat begonnen. Hinter der FDP liegen harte Monate."
Fassen wir kurz zusammen: Nach der Bundestagswahl vor 10 Monaten hat die FDP-Fraktion politisch leider kaum etwas positives erreicht, die Zustimmung im Volk ist auf Mehrjahresrekordtief und man geht jetzt in den Urlaub. Klasse!

Werbefachleute empfehlen gern einen Aufbau nach dem AIDA-Modell, der hier nicht zu erkennen ist. Aufmerksamkeit oder Interesse weckt das o.g. erstmal beim Autor nicht so sehr. Welches Verlangen geweckt wird, überlassen wir der Phantasie des Lesers. Die Aktion lesen Sie gerade.
Vielleicht war das so beabsichtigt, denn die FDP-Führung kann von sich sagen, sie habe alle Mitglieder über alles (!) Wichtige informiert! Was kann da nur noch fehlen?
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